Billigflieger EasyJet: Kollaps im Flieger - und kein Notfall-Set an Bord
|
|
|
Tuesday, 3. March 2009 |
|
Seit dem Start sind 15 Minuten vergangen, als am vergangenen Montag auf dem Easyjet-Flug EZY 4634 Basel-Berlin plötzlich ein Passagier in seinem Stuhl bewusstlos zusammensackt. Sofort eilen Flugbegleiter herbei. Der diplomierte Rettungssanitäter Markus Grünenfelder*, der in der Reihe davor sitzt, untersucht den Patienten auf Bitten der Crew.
«Dem Passagier ging es sehr schlecht, sein Herz schlug langsam», erzählt Grünenfelder im Gespräch mit 20 Minuten Online. Deshalb habe er die Stewardessen des Airbus A319 aufgefordert, ihm unverzüglich den «Notfallkoffer» zu bringen. Mit den darin enthaltenen Geräten will er dem Patienten eine Infusion legen, um so den Patient zu stabilisieren und ihm notfalls lebenswichtige Medikamente verabreichen zu können.
Pflaster statt Defibrillator Grünenfelder traut seinen Ohren nicht, als ihm die Stewardess zuflüstert: «Wir haben kein Notfallset an Bord, gar nichts dergleichen.» Grund dafür sei, dass Easyjet ja bei Notfällen innert 20 Minuten auf einem Flughafen mit medizinischer Ausrüstung landen könne.
Easyjet-Sprecher Oliver Aust bestätigt auf Anfrage von 20 Minuten Online den Vorfall. Und auch das Fehlen des Notfallkoffers: «Wir führen keine Defibrillatoren und Infusionen an Bord», gibt Aust unumwunden zu. Auf Easyjet-Flügen hat die Crew bloss einen Erste-Hilfe-Kasten zur Verfügung.
Darf ein Flugzeug bloss mit einer besseren Auto-Apotheke abheben? «Häufig haben Verkehrsflugzeuge sowohl einen Erste-Hilfe- als auch einen Arztkoffer an Bord», sagt Anton Kohler, Mediensprecher des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl). Gemäss EU-Vorschriften müssen Fluggesellschaften auf Europaflügen aber nicht zwingend einen Ärztekoffer mitführen.
Easyjet spart bei Passagiersicherheit Geltende Vorschriften hin oder her: Dass Easyjet keine Notfall-Sets in den Flugzeugen mitführt, ist für den Rettungssanitäter Grünenfelder ein Skandal: «Ohne medizinische Instrumente konnte ich den Patienten nicht richtig behandeln.» Für ihn ist klar: «Easyjet spart hier am falschen Ort.» Heute sind bekanntlich Bahnhöfe und Telefonkabinen mit Defibrillatoren ausgestattet - und sogar der Aussichtsturm des Berner Münsters.
Easyjet knausert auf Kosten der Passagiersicherheit. Ein einfacher Vergleich stützt die Meinung des Rettungssanitäters: Ein neuer Airbus A319 kostet laut Listenpreis rund 50 Millionen Dollar – ein Ärztekoffer hingegen vergleichsweise läppische 1200 Franken. Ein Defibrillator schlägt zusätzlich mit 2500 Franken zu Buche. Ein Notfall-Koffer kostet also insgesamt 3700 Franken - für Easyjet offenbar zu viel. Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen sollten es sich also gut überlegen, ob sie weiterhin mit dem Billigflieger in die Luft gehen.
Glücklicherweise überstand der Passagier auf EZY 4634 den Kreislaufkollaps: Nach wenigen Minuten hatte sich sein Zustand wieder stabilisiert. Am Flughafen Berlin erwartete ihn bereits eine bestens ausgerüstete Ambulanz der Rettungsdienste Königs-Wusterhausen.
Quelle: 20min.ch Autor: Adrian Müller
|